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Wenn Karl Marx die Geschichte als stetige Abfolge von Klassenkämpfen interpretiert, täuscht der große Streit zwischen Arbeiter und Kapital womöglich darüber hinweg, daß sich vorzeiten ein noch größeres Drama beim Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat abspielte. Im groben sind dieses die beiden großen Gesellschaftsentwürfe, bei denen im einen die Frau, im anderen der Mann herrscht. Beide bewegen sich von daher im Rahmen des bipolaren Weltbildes.
Die heute im weitestem Teil der Welt vorherrschende Herrschaftsform ist das Patriarchat, was sich in Politik, Justiz und Wirtschaft an der Überzahl männlicher Protagonisten zeigt. Wie tiefgreifend die Verfestigung dieser Strukturen zeigt sich besonders in der Sprache. Ein eher albernes Beispiel ist, daß von Herr der Begriff Herrlichkeit abzuleiten ist, von Dame dagegen Dämlichkeit.
Das englische man meint den männlichen Menschen, den Mann, wie den Menschen überhaupt. Man muß die Sprache nur daraufhin untersuchen und wird etliche Beispiele finden, vergleichbar mit dem Gebrauch von rechts im Sinne von geordnetem, korrektem Ablauf der Dinge und links als dem linkischen, ungeordneten. Dabei steht rechts für die männliche, links für die weibliche Seite.
Das weite Feld der Mythen läßt vielfache Deutungen zu, die einen prähistorischen Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat markieren. Ein Beispiel sind viele Mythen im Sagenkreis um den griechischen Herakles, der im Rahmen seiner Arbeiten vielerorts den männlich dominierten Zeus-Dienst einführt und dabei Bären, Schlangen und Wölfe vertreibt (etwa von Kreta), worunter in diesem Sinne die den weiblichen Gottheiten geheiligten Tiere bzw. Bilder zu verstehen sind. Ein Kollege von ihm ist der iranische Religionsstifter Zarathustra, der nur den Ahura Mazda als großen und lichten Gott gelten ließ und die übrigen, vormals weiblichen Gottheiten zu Teufeln degradierte.
Die modernen monotheistischen Religionen sind das vorläufige Ergebnis dieser Entwicklung, hier sind Judentum, Christentum und Islam die einflußreichsten. Gemeinsames Kennzeichen ist die Vorstellung einer einzigen, ewigen und allmächtigen Gottheit, die durchweg männlich gedacht ist, als Schöpfer, Herr und Vater. Der Katholizismus räumt zwar der Maria als Mutter des Christus eine besondere Stellung ein, dafür sind die Frauen völlig aus dem Priesterdienst verdammt, bei den jüngeren protestantischen Kirchen verhält es sich genau umgekehrt.
Als ein Beleg für ein früheres Matriarchat hat für gewöhnlich die berühmte Venus von Willendorf einen Ehrenplatz. Es ist dies eine kleine steinzeitliche Statuette mit betont weiblichen Merkmalen, riesigen Brüsten und ausladenden Hüften, die als Abbild der Großen Mutter als All-Gebärerin gedeutet wird. Auch andere Darstellungen der Muttergöttin oder Mutter Erde weisen diese Präferenz auf, beispielsweise die vielbrüstige Artemis.
Die minoische Hochkultur auf Kreta gilt als in Europa bekannteste matriarchalisch verfasste Gesellschaft des frühen Altertums, doch gibt es viele Zeugnisse alter mutterrechtlich bestimmter Kulte, man blättere dazu in dem Lexikon Das Geheime Wissen der Frauen von Barbara G. Walker und lese in der Fülle der Beispiele.
Noch existierende matriarchalische Gesellschaften fanden Ethnologen bei den Hopi-Indianern oder bei den Inuit (polit. korrekt für Eskimo), bei malaiischen und afrikanischen Völkern. In solchen Gesellschaften bildet die Frau als Mutter des Volkes den Mittelpunkt. Sie entscheidet über die Auferziehung der Kinder, die Verteilung des Landes bzw. der Produktionsmittel, Rechtsprechung (noch bei den Römern übrigens eine weibliche Gottheit, Justitia) und besonders dem Kultus, an dem allerlei praktische Wissenschaften hängen, etwa die (bei den Griechen von den Musen gespendeten) Kunst des Heilens, vor allem das Wissen um Heilkräuter oder die Sterndeutung, die schon umherziehenden Jägern und Sammlern oder Hirten wertvolle Angaben zu günstigen Zeiten für Wildwechsel bot, z.B. Vogelflug, Fruchtreichtum oder üppige Weidegründe und den seßhaft werdenden Stämmen die richtigen Zeiten für die Aussaat anzeigte, Beispiele sind Eisheilige oder Nilschwemme.
Wichtiges Merkmal matriarchalisch verfaßter Gemeinschaften ist die Wertschätzung der matrilinearen Abstammung. Diese erscheint durchaus logisch, denn nur zwischen Mutter und Kind ist die Abstammung ohne Zweifel sicher. Darum kann die Frau eher sexuelle Freizügigkeit genießen, während genau dieser Punkt vorherrschendes Merkmal streng patriarchalischer Gesellschaften ist.
Der Mann ist, wenn er völlig sicher sein will, daß das von ihm aufgezogene Kind sein eigen Fleisch und Blut ist, entweder auf eine vertrauensvolle Beziehung zu seiner Gattin angewiesen oder er greift zu Zwangsmitteln. Das kann etwa durch Bestehen auf Jungfernschaft bei der Eheschließung erreicht werden, danach durch Einsperren der Frau oder gleich der Mädchen, sobald sie geschlechtsreif werden und/oder dadurch, daß ihnen allgemein jeglicher Umgang mit dem anderen Geschlecht verwehrt bleibt. Auch hierfür gibt der Mythos viele Beispiele, auch wenn gerade die Zwecklosigkeit des Wegsperrens an etlichen Stellen ausgemalt wird, etwa wenn Zeus der Pasiphae als goldener Regen erscheint.